Vom guten Vorsatz zur echten Entwicklung

Selbstreflexion gilt als Schlüssel für gute Führung. Doch allein reicht sie nicht aus. In seinem aktuellen Artikel zeigt Malte Dammann, Junior Consultant bei metaBeratung, warum echte Entwicklung erst dort beginnt, wo Erkenntnis in konkretes Verhalten übersetzt wird.

Datum: 11. Mai 2026

Author: Malte Dammann

Kategorien: Personality, Personality Assessments, Insights, metaArticle

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Warum Selbstreflexion der erste Schritt ist (aber eben nur der erste)

Eine Führungskraft, mit der wir vor Kurzem gearbeitet haben, beschrieb eine Szene, die viele wiedererkennen werden. Montagmorgen, eine E-Mail im Posteingang, der Ton schärfer als nötig. Die erste Reaktion: sofort antworten, klarstellen, Position beziehen. Stattdessen hat sie die Mail geschlossen, einen Kaffee geholt und zwei Stunden gewartet. Die Antwort, die später entstanden ist, war eine andere als die, die um neun Uhr entstanden wäre. Nicht weicher, aber präziser. Und das Verhältnis zur anderen Person hat keinen Schaden genommen.

Solche Momente sind unspektakulär, und genau deshalb sind sie interessant. Sie zeigen, woran sich Führung im Alltag entscheidet: nicht an den großen Strategiesitzungen, sondern an der Lücke zwischen einem Reiz und der eigenen Reaktion.

Was Führung im Kern verlangt

In der Diskussion um Führungskompetenzen werden viele Listen geführt: Entscheidungsstärke, Kommunikation, strategisches Denken, Resilienz. Diese Listen sind nicht falsch, aber sie verdecken etwas Grundsätzlicheres. Unter Druck fällt Führung immer auf die Person zurück. Was unter ruhigen Bedingungen gut trainiert wirkt, kippt unter Belastung schnell in alte Muster. Wer Konflikte normalerweise sachlich angeht, wird scharf. Wer normalerweise zuhört, redet sich selbst in eine Position. Wer normalerweise entscheidet, schiebt auf.

Die Forschung ist hier eindeutig. Selbstwahrnehmung, der Umgang mit den eigenen Emotionen und die Fähigkeit, das eigene Verhalten zu regulieren, sind keine weichen Zusatzkompetenzen. Sie bestimmen, ob die anderen Kompetenzen überhaupt zur Geltung kommen.

Selbstreflexion, anders verstanden

An dieser Stelle wird oft Selbstreflexion ins Spiel gebracht, und meistens etwas zu schnell. Reflexion klingt nach Innehalten, nach einer ruhigen halben Stunde am Sonntagabend. Das mag angenehm sein, aber es bewegt selten etwas.

Reflexion, die wirklich wirkt, ist unbequemer. Sie heißt, sich Feedback zu holen, das man eigentlich nicht hören will. Sie heißt, die Lücke zwischen dem eigenen Anspruch und der tatsächlichen Wirkung auf andere auszuhalten, ohne sie sofort wegzureden. Und sie heißt, das nicht einmal zu tun, sondern als Praxis zu etablieren. In unserer Arbeit sehen wir immer wieder, dass Führungskräfte sich in kritischen Situationen anders erleben, als sie wahrgenommen werden. Was als entschlossen gemeint ist, kommt als verschlossen an. Was als fokussiert gedacht ist, wirkt distanziert. Diese Differenz ist nicht peinlich, sie ist normal. Aber man kann mit ihr erst arbeiten, wenn man sie kennt.

Die Lücke zwischen Reiz und Reaktion

Der eigentliche Hebel liegt dort, wo Reflexion in den Moment hineinwirkt. In der psychologischen Literatur wird das als Decentering beschrieben: die Fähigkeit, einen Schritt zurückzutreten und die eigene Reaktion zu beobachten, bevor man ihr folgt. Genau das ist es, was die Führungskraft aus dem Beispiel oben getan hat. Nicht die Emotion unterdrückt, sondern sie gesehen und entschieden, ihr nicht sofort nachzugeben.

Diese Fähigkeit ist trainierbar. Aber sie entsteht nicht durch Nachdenken über sich selbst, sondern durch die wiederholte Erfahrung, dass es diese Lücke gibt und dass man sie nutzen kann.

Vom Verstehen zum Tun

Hier liegt der Punkt, an dem viele Entwicklungsprozesse stecken bleiben. Eine Führungskraft hat verstanden, dass sie unter Druck zu schnell reagiert. Sie hat valides Feedback dazu, sie hat es reflektiert, sie kann es benennen. Und trotzdem ändert sich im Alltag wenig. Der Grund ist einfach und gut belegt: Verstehen ist die Voraussetzung für Veränderung, aber nicht die Veränderung selbst. Wir sehen das auch in unserer eigenen Arbeit. Ein gutes Hogan-Feedback liefert tiefe Einsichten, aber zu oft bleibt es genau dabei. Das Gespräch ist gut, der Bericht wandert in die Schublade, der Alltag holt einen ein.

Was folgen muss, sind konkrete Experimente. Kleine Verhaltensänderungen, die ausprobiert, überprüft und angepasst werden. Eine andere Art, in Meetings zu reagieren. Ein neues Format, schwierige Gespräche vorzubereiten. Eine bewusste Pause, bevor eine kritische Mail rausgeht. Hilfreich ist dabei, Beobachtungen und Erkenntnisse festzuhalten, schriftlich oder im Gespräch. Forschung zeigt, dass Schreiben und Sprechen Reflexion strukturieren und vor dem Abdriften ins reine Grübeln schützen. Dazu gehört auch jemand, mit dem man das bespricht, weil man sich selbst zu selten auf die Finger schaut.

Selbstreflexion ist der erste richtige Schritt. Sie öffnet den Raum, in dem Entwicklung überhaupt möglich wird. Was sie nicht ersetzt, ist das Handeln, das danach kommt.

 

 

Quellen

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Nesbit, P. L. (2012). The role of self-reflection, emotional management of feedback, and self-regulation processes in self-directed leadership development. Human Resource Development Review, 11(2), 203–226. https://doi.org/10.1177/1534484312439196

Tenschert, J., Furtner, M., & Peters, M. (2025). The effects of self-leadership and mindfulness training on leadership development: A systematic review. Management Review Quarterly, 75(4), 2811–2862. https://doi.org/10.1007/s11301-024-00448-7